Audition für Disneyland Paris

Audition für Disneyland Paris

Für diejenigen, die bereits im Disneyland waren:

Habt ihr Euch jemals gefragt, wer die Personen in den Kostümen sind, die oben auf den Showbühnen, im Restaurant oder am Popcornautomaten für reichlich Animation sorgen? Das sind eigentlich Schauspieler oder Tänzer… oder wie Disney es bevorzugt zu sagen: Charakterdarsteller!

Wie jedes Jahr sucht Disney weltweit nach Schauspielern, Tänzern und Sängern, damit diese im Disneyland Paris arbeiten. So ein Job bei Disney setzt allerding nicht nur einen hervorragenden Lebenslauf und eine sorgfältig eingereichte Bewerbung voraus, sondern es erfordert auch eine Audition, in welcher man sein Können unter Beweis stellen muss.
So fand auch ich mich vor zwei Wochen auf so einer Audition wieder. Im Hinterhof einer alten Lagerhalle, welche zu einem Tanzstudio umgebaut wurde. Das klingt wahnsinnig magisch, richtig?
Wie es dazu kam, möchte ich Euch natürlich nicht vorenthalten. Wenn Disney einen Castingaufruf für junge Nachwuchs-Perfomer startet, verbreitet sich das natürlich wie ein Lauffeuer. Natürlich auch innerhalb meiner Freundesclique, die alle ganz begeistert von der Idee waren, gemeinsam zum Casting zu gehen und dort für Elsa, Ariel, Cinderella und Co. vorzusprechen. Dann trägt man nämlich schöne Kleider und darf den ganzen Tag wie eine echte Prinzessin lachen, toll oder? (Kein Sarkasmus!!) Und da Castings zum Alltag von Schauspielern gehören und man nicht genügend Castingerfahrung sammeln kann, beschlossen wir, morgens um 6 Uhr aufzubrechen. In Tanzkleidung und ohne Make-Up. Als wir da waren, standen vor uns mindestens dreihundert junge Erwachsene, Männer und Frauen, in Ballettoutfits, Hip-Hop-Hosen, Turnanzügen und allem, was dazu gehört. Sie waren bereits dabei, sich zu dehnen und Aufwärmübungen zu machen.

Ich hörte meine Freundin Maria verzweifelt sagen: „Die suchen bestimmt nur Tänzer, ich kann gar nicht tanzen“. Da wäre ich beim alt bekannten Thema: Das Tanzen gehört zum Schauspielern genauso wie Öffentliches Recht zum Jurastudium gehört. Wir meldeten uns an und erhielten unsere Castingnummer. Die Hälfte meiner Freunde ist zu diesem Zeitpunkt bereits wieder nach Hause gegangen, da Sie doch das Lampenfieber gepackt hatte und die Konkurrenz durchaus sehr einschüchternd wirkte. Ich kannte diese Situation ja schon von etlichen Castings in Deutschland und weil ich der Meinung bin, das ein Versuch noch niemandem geschadet hat und ich ja extra dafür hergekommen war, bin ich geblieben. Wenn man etwas will, muss man dafür kämpfen. Das trifft besonders im Showbusiness, aber auch in allen anderen Lebenslagen zu.

Ich wärmte mich auf und machte eine paar Übungen. Immerhin habe ich ja mal getanzt. Mal sehen ob ich die Prima Ballerina noch aus mir herausholen konnte. Bevor das Casting losging, wurden wir noch ausführlich über die gesuchten Rollenprofile und die eigentlichen Jobs informiert. Es ist ganz wichtig an dieser Stelle zu sagen, dass immer nur nach bestimmten Rollen gesucht wird, das heißt: Schon im Vorhinein wird aussortiert. Nicht die richtige Größe, falsche Haarfarbe, zu dick, zu dünn, falsches Geschlecht, schiefe Nase… wird sofort markiert und auf diese wird gar nicht mehr geachtet, egal wie gut sie sind. Denn die Optik spielt eben doch die größte Rolle.
Wie genau das Briefing aussah und welche Informationen über die Arbeit im Disneyland mit uns geteilt wurden, darf ich an dieser Stelle leider nicht schreiben, denn das ist vertraulich. Uns wurde nämlich ca. 20 Mal gesagt: „Afin de préserver la Magie Disney, nous vous demandons expressément de respecter la plus stricte confidentialité quant aux informations recues au cours de ce casting“ / Um die Magie zu erhalten, bitten wir sie eindringlich, die vertraulichen Informationen, welche ihnen während des Casting mitgeteilt werden, zu respektieren und nicht weiterzugeben. Das habe ich natürlich auch unterschreiben müssen.

Wie sah das Casting aus?

Es gabt folgenden Rollen, die wir darstellen sollten: Cowboy, Pirat, Zwerg, Bösewicht, Prinzessin und noch irgendetwas, was mir leider nicht mehr einfällt. Sinn der Sache war, dass wir möglichst überzeichnet und mit großen Bewegungen diese Rollen darstellten. Wir hatten allerdings pro Rolle nur vier Sekunden bzw. acht Taktschläge der Musik Zeit, danach mussten wir sofort in die nächste Rolle wechseln. Dabei durften wir allerdings nicht die Choreographie vergessen, die uns zuvor gezeigt wurde. Hätten man von außen durch ein Fenster geschaut, hätte man 300 Jungen Leute dabei zuschauen können, wie sie auf engem Raum und völlig verschwitzt innerhalb von gut 20 Sekunden, Cowboys, Piraten, Zwerge, Bösewichte, Prinzessinnen… mimten (in der Reihenfolge wohlgemerkt).

Als wir das ganze drei Mal durchgeprobt hatten, wurden wir in Gruppen von 20 Personen aufgerufen und sollten das Ganze vor der Jury vorführen. Anhand dieser Performance wurde entschieden, wer eine Runde weiterkommt. Und was glaubt ihr, wie viel haben es in Runde 2 geschafft?
Bis auf zehn Leute ist keiner eine Runde weitergekommen. Auffällig war, dass bis auf ein Mädchen (Sie ist mit Sicherheit Profitänzerin gewesen. Das konnte man sofort sehen.) nur starke Männer ausgewählt wurden. Warum? Ganz einfach (das wurde uns sogar vorher verraten), die Kostüme wiegen enorm viel, und wenn man den ganzen Tag als Mickey Mouse durch die Gegend springt, erfordert das Kraft und einen gesunden körperlichen Zustand. Als nächstes wurde Make-Up und Kostüme an den zehn Personen getestet. Wie es für sie danach weiterging, weiß ich allerdings nicht, da wir dann gehen mussten.

Tja, aus unserer Gruppe (hauptsächlich Schauspielstudenten) wurde keiner genommen. Das war so traurig, dass ich darüber lachen muss. Ich glaube, wir haben die Aufgabe auch nicht richtig erfüllt. Als wir dran  waren, haben wir halt mit Mimik und Gestik echte Cowboys und Bösewichte dargestellt. Die anderen Castingteilnehmer haben stattdessen tänzerisch ein Lasso geschwungen oder fließende Bewegungen als zerbrechliche Prinzessin getanzt. Der Fokus lag wohl echt auf dem Tanzen. Naja, aber wenn du einem Schauspieler sagst: Spiel einen Zwerg, dann macht er das mit voller Leidenschaft und Hingabe, dafür reichen bestimmt keine vier Sekunden. Also wirklich Disney… entweder müsst ihr euch Aufgabenstellung präzisieren oder eurer Castingkonzept überdenken.

Manche meiner Freunde waren hinterher niedergeschlagen und traurig darüber, dass sie nicht genommen wurden. Ich war froh, denn ich hatte weder Zeit, neben meiner full-time Ausbildung im Disneyland zu arbeiten, noch wollte ich mich für einen Hungerlohn ausbeuten lassen, indem ich in irgendwelchen vollgeschwitzten Kostümen, ich welchen man kaum atmen, geschweige denn richtig sehen kann, durch die Gegend zu hampeln um Touristen zu animieren. Da ist mir die Schauspielkunst, als Kunst doch etwas zu heilig für.

Ich weiß, Disney klingt verlockend, und viele junge Mädchen denken, sie würden dann irgendwann als nächste Hannah Montana oder Violetta entdeckt werden, aber die Castings dafür finden nicht im Disneyland statt. Hier werden nur Animateure gesucht, die für möglichst wenig Geld viel und hart arbeiten. Das ist leider die Realität. Meine Freundinnen haben das noch nicht so ganz durchschaut, sie gehen nämlich während der Ferien zu genau derselben Audition in London. Sie wollen diesen Job unbedingt. Was mich angeht: Ich bin froh, dass ich dageblieben bin und Euch jetzt darüber berichten kann, aber den ganzen Tag als Tinkerbell rumzulaufen, ist dann doch nicht zu meins.

Fun Fact am Rande: Die luftigen Kostüme von Ariel, Tinkerbell und Co. sind im Winter dieselben. Man hat uns schon im Vorhinein darüber informiert, dass es im Winter extrem kalt werden wird. Das sag ich ja schon aus gesundheitlicher Betrachtung herzlich: Nein, danke.

Soviel zu Disneyland …Ich habe übrigens grade Ferien. Das heißt ich bin zu Hause in Deutschland.

Deswegen heute mal: Tschüss und bis nächste Woche!

Rosanne