The Method  Part 2

The Method Part 2

Wie versprochen soll es mit der Erläuterung der Lee Strasberg Methode diese Woche weiter gehen. Ich hoffe von letzter Woche ist noch etwas hängen geblieben, wenn nicht, einfach noch mal „The Method Part 1“ überfliegen.

Vorweg ein kleiner Test: Welches waren die zwei Hilfsmittel, die einem Schauspieler bei der Erzeugung einer fiktiven Realität zur Seite stehen?

Ich wette, ihr habt es vergessen! Wenn nicht, bin ich super stolz auch Euch! Sich Dinge zu merken, ist als Schauspieler nämlich extrem wichtig.

Also, wie schon richtig erkannt (oder eben nicht) waren die beiden Tools

a) unser Gedächtnis und

b) unsere Fantasie.

Ersteres benutzen die meisten Erwachsenen hoffentlich täglich, während die Fantasie gerne während der Pubertät zusammen mit den Stofftieren in die Kiste für kindliche Spielereien reingestopft und in den Keller gebracht wird. Dabei ist Fantasie doch sowas schönes!

Ich fange jetzt aber trotzdem mit dem Gedächtnis an. Es geht, um ganz genau zu sein, um unser Erinnerungsvermögen. Dazu gehören einerseits allgemeine Erinnerungen, wie zum Beispiel: kochendes Wasser ist heißt oder früh morgens ist es meistens recht kühl, andererseits gehören auch spezifische Erinnerungen dazu. Das können schöne, schreckliche und schmerzhafte Erinnerungen sein, die man womöglich noch nie mit jemandem geteilt hat. Muss man auch gar nicht, denn die Arbeit mit Erinnerungen findet nur im Kopf des Schauspielers statt. Soll bedeuten: wenn man zum Beispiel einen schlimmen Unfall hatte und sich noch genau an die Schmerzen erinnern kann, oder eine große Überraschungsparty gelungen ist, und man noch förmlich die Freude in der Brust spürt – das sind genau die Erinnerungen, mit denen man als Schauspieler arbeitet.

Das bedeutet natürlich, dass man diese Erinnerungen abrufen muss, um sie für eine bestimmte Szene  als Werkzeug zu verwenden. Bei schönen Erinnerungen ist das wahrscheinlich kein Problem, während man bei schlimmen Erinnerungen die Angst, Wut und Trauer erneut durchleben muss. Am Anfang ist es schwer damit umzugehen, aber mit der Zeit lernt man als Schauspieler, zwischen der echten Erinnerung und der Arbeit mit der Emotion zu unterscheiden. Denn es geht nicht darum, zum Beispiel erneut den Verlust eines geliebten Menschen oder den wutentbrannten Streit mit dem Freund vor dem geistigen Auge zu durchleben, sondern darum sich lediglich an die emotionale Verfassung zu erinnern und diese auf eine andere Szenen mit völlig anderen Gegebenheiten zu transformieren.

Das zu machen ist genauso schwer, wie es schriftlich zu erklären (man braucht ganz viel Übung).

 

Theater Saal im Lee Strasberg Institute New York

 

Ein Beispiel, um meine komplizierten Erläuterungen zu verdeutlichen. Dazu verwende ich die Situation von letztem Mal:

Wir stehen in Rom inmitten einer Arena. Blut läuft aus den offenen Wunden und die Sonne brennt in den Augen. Der sandige Boden erschwert jeden Schritt. Doch jetzt können wir nicht aufgeben. Wir müssen um unser Leben kämpfen.

Für diese Szene brauche ich also eine Erinnerung, die emotional der Gefühlslage eines Gladiators im alten Rom gleicht. Man verspürt Todesangst, gleichzeitig hat das Adrenalin aber unseren Überlebenswillen aktiviert. Puuhh, eine Erinnerung, die dessen gleicht, ist schwer zu finden und ich hoffe, niemand von Euch hat sich im wirklichen Leben bereits in einer derartigen Situation befunden (das ist mit Absicht ein sehr schwieriges Beispiel), trotzdem wird jeder Erinnerungen haben, in denen Angst und Schmerz vorkommen.

Ich würde für diese Situation die Erinnerung an einen Unfall, den ich mit 9 Jahren hatte, hervorholen. Normalerweise müsst ihr diese Erinnerungen mit niemandem teilen. Der Anschaulichkeit halber gehe ich jetzt trotzdem auf meine Erinnerung näher ein.

Ich habe mit meinem Bruder auf einem Steinhügel gespielt. Wir haben uns gestritten, ich bin gestolpert und kopfüber den Hügel hinunter gefallen. Unten angekommen, war ich so sauer auf meinen Bruder, habe aber gleichzeitig festgestellt, dass ich enorm viel schwitze. „Wieso das denn auf einmal?!?“, kann ich mich noch genau denken hören, bis ich feststelle, dass der Schweiß in meinen Händen, mit denen ich über die nassen Haare gefahren bin, blutrot war. Ich diesem Moment wurde ich panisch, mir wurde übel und schummerig. Mein Bruder war vor Schreck weggerannt und ich saß blutüberströmt im Grass und wollte am liebsten einschlafen. In diesem Moment hatte ich wirklich Todesangst, gleichzeitig aber wurde mein Überlebensinstinkt geweckt, da ich wusste, wenn ich jetzt nicht schnell Hilfe hole, dann verblute ich womöglich.

Der Rest der Geschichte ist Schnee von gestern und trägt nicht wirklich zur Erläuterung der Geschichte bei, also belasse ich es damit. Denn die notwendigen Emotionen sind in der Geschichte enthalten: die Wut, die Todesangst und der Drang zu Überleben. All‘ das fühlt der Gladiator, wenn er in die Arena geschickt wird, auch, nur viel extremer natürlich. Also benutze ich diese Emotionen, um mich wie der Charakter in der Szene zu fühlen.

Ich weiß: viele Schauspieler und Schauspiellehrer würden jetzt sagen: „Schwachsinn, das brauchst du nicht, stell es dir einfach vor… Fake it, till you make it“, aber das ist nicht die Philosophie von Lee Strasberg und auch nicht die Art wie ich an Szenen ran gehe, denn wenn man nur so tut, als hätte man wahnsinnige Angst und große Schmerzen, dann wird es niemals so authentisch aussehen, wie wenn man es wahrhaftig fühlt. Und das geht eben am besten mit seinen eigenen Erinnerungen. Es gibt natürlich Ausnahmen. Manchmal hat man einfach keine passende Erinnerung, oder die Erinnerung ist so schlimm, dass man gar nicht annährend dran denken mag. In diesen Fällen, kann man natürlich nur so tun als ob, aber im Idealfall hat man was Passendes gefunden, mit dem man arbeiten kann.

Das Gedächtnis hat noch nicht Feierabend, denn es kommen ja noch die allgemeinen Erinnerungen zum Tragen. Der Gladiator fühlt in diesem Moment nicht nur Todesangst und den Drang zu Überleben (obwohl es sich natürlich für ihn so anfühlt), sondern gleichzeitig auch die Hitze, das Brennen der Sonne, die schwere Kleidung und den heißen Sand unter den Füßen, der jeden Schritt erschwert.

Und jetzt sind wir eigentlich bei dem wirklich spannenden Teil angelangt: Der Sinneswahrnehmung!

Waren die ersten Gefühle ja recht offensichtlich zu erraten, sind diese kleinen Details eher unauffällig und werden schnell vergessen. Aber genau diese Wahrnehmungen sind es ja, die das Spiel authentisch machen. Denn wir bewegen uns ja nicht in einer völlig leeren Welt, ohne Wetter, Materialien, Gegenstände etc. und fühlen Trauer, Wut, Freude etc. Nein, ganz im Gegenteil! Erst durch Beachtung der Details kreieren wir eine Realität.

Hier belass ich es aber erst mal und führe dieses interessante Thema nächste Woche fort!

Bisous!

Rosanne