Fünf Jahre „Weender Engel“: Interview mit Martina Lichthardt und Claudia Nalepa
Claudia Nalepa (l.) und der „Weender Engel“ Martina Lichthardt auf einer Station im Evangelischen Krankenhaus Weende. Foto: r

Fünf Jahre „Weender Engel“: Interview mit Martina Lichthardt und Claudia Nalepa

Göttingen. Vor fünf Jahren sind die ersten „Weender Engel“ gelandet. Die Weender Engel sind der ehrenamtliche Besuchsdienst im Evangelischen Krankenhaus Weende für Patienten mit einem erhöhten Betreuungsbedarf. Martina Lichthardt und Claudia Nalepa sind für die Organisation der „Engel“ verantwortlich. Sie berichten über ihre ehrenamtliche Tätigkeit.

Die ersten Engel sind 2012 im Weender Krankenhaus gelandet. Wie viele waren das damals, und was war der Anlass?
Claudia Nalepa: Damals waren es zwölf Personen, von denen heute noch eine Dame dabei ist. Leider ist die Fluktuation relativ hoch, aus beruflichen, gesundheitlichen oder privaten Gründen. Anlass für die Gründung der „Weender Engel“ war es, Patienten zu besuchen, die eine besonders schwierige Phase durchleben oder die durch die weite Entfernung der Angehörigen selten Besuch bekommen. Die Pflegekräfte haben neben ihrer Pflegetätigkeit leider oft nicht die Zeit für längere Gespräche oder andere Aktivitäten.

Wie viele Weender Engel gibt es heute und welche Aufgaben haben sie?
Nalepa: Im Moment sind wir 26 Engel. Hauptaufgabe ist es, den Patienten zuzuhören, ihre Ängste und Sorgen wahrzunehmen oder ihnen  etwas Abwechslung zu bieten. Die Engel muntern Patienten auf, wenn sie eine schwere Phase durchleben, sie spielen zusammen, gehen im Therapiegarten spazieren, begleiten zum Gottesdienst oder gehen mit ihnen in die Patientenbücherei. Die Gespräche und die Fürsorge helfen bei der Genesung. Kurzum: Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte besonders der älteren Patienten, für die der Krankenhausalltag oft eine große Herausforderung darstellt.

Auf welchen Stationen werden die Engel eingesetzt?
Nalepa: Hauptsächlich auf den Stationen der Geriatrie, aber auch in der Inneren Medizin und der Chirurgie. Gerne würde ich das Angebot ausweiten. Dafür suchen wir immer interessierte Menschen, die sich engagieren möchten. Das Alter und die Konfession spielen dabei keine Rolle.

Frau Lichthardt, Sie sind seit viereinhalb Jahren ein Weender Engel. Wie haben Sie den Weg zu den Engeln gefunden?
Martina Lichthardt: Ich wohne seit über 15 Jahren in Göttingen. Auf die Weender Engel bin ich durch einen Zeitungsartikel aufmerksam geworden. Auch meine Familie und Freunde glaubten, dass die Arbeit als Engel etwas für mich sei. In meinem Beruf als Justizangestellte beim Landgericht habe ich überwiegend mit Akten zu tun. Mich interessiert aber auch die Arbeit mit Menschen. Ich habe sehr früh meine Mutter verloren und lange meine Großmütter betreut, so dass ich Erfahrung im Umgang mit älteren Menschen habe.

Wie oft kommen Sie ins Evangelische Krankenhaus, um als Engel zu arbeiten?
Lichthardt: Ich komme jeden Montagnachmittag in das Weender Krankenhaus.

Nalepa: Die Besuche sollten nachmittags stattfinden, idealerweise zwischen 15 und 17 Uhr, also nach den Untersuchungen und Anwendungen und vor dem Abendessen. Die Anzahl der in dieser Zeit besuchten Patienten ist flexibel. Mal ist es nur einer, mal sind es drei, die ein Weender Engel an seinem Einsatztag besucht. Die Besuche sollen keine Massenabfertigung sein, sondern dem Einzelnen helfen.

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Martina Lichthardt (r.) spielt mit den Patientinnen Waltraud Imgrund (l.) und Charlotte Uhlendorff „Mensch ärgere Dich nicht“. Foto: r

Wie alt sind die Patienten und was sind deren Wünsche?
Lichthardt: Die Patienten sind in der Regel älter als 75 Jahre. Bei meinem Besuch frage ich zunächst das Stationspersonal, welcher Patient derzeit Redebedarf hat. Zu den Patienten baut man dann ganz schnell ein Näheverhältnis auf. Darüber wundern sich selbst die Patienten: Ich bin eine fremde Person für sie, und doch erzählen sie mir vieles aus ihrem Leben. Die Patienten finden es gut, dass sie sich einer neutralen Person öffnen und Probleme von der Seele reden können.

Werden die Ehrenamtlichen vor ihrem Einsatz geschult?
Nalepa: Jeder Engel muss vor Beginn der Tätigkeit eine Schulung machen, die  wir einmal im Jahr anbieten, meist im Herbst. Das sind 30 Unterrichtseinheiten unter anderem zu den Themen Demenz, Depression und Aggression sowie der Umgang mit diesen Erkrankungen. Hinzu kommen z. B. eine Hygieneeinweisung oder Vorträge von den Klinikseelsorgern. Engel ohne Schulung können bereits zum Schnuppern vorbei kommen.

Lichthardt: Wir Weender Engel treffen uns zudem einmal im Monat zum Erfahrungsaustausch, wo sich auch andere Bereiche aus dem Krankenhaus vorstellen.

Hatten Sie ein besonderes Erlebnis?
Lichthardt: Ein Patient hat nach einem meiner Besuche plötzlich angefangen zu weinen. Zunächst waren wir alle ratlos, aber seine Begründung war herzergreifend: „Es war so schön mit der Frau im Park.“ Ein anderes Erlebnis war eine Parkinson-Erkrankte, die während des Gespräches mit mir immer weniger gezittert und letztlich ganz aufgehört hat.

Wieso engagieren Sie sich als Engel?
Lichthardt: Uns Ehrenamtlichen gibt es die Möglichkeit, sich sozial zu engagieren. Ich gehe immer wieder mit einem freudigen Strahlen nach Hause. Ich habe einfach das Gefühl, etwas Gutes für einen Menschen getan zu haben.

Wie alt dürfen die Engel sein?
Nalepa: Das Alter der Engel ist bunt gemischt. Es gibt Abiturienten, Studenten, in Vollzeit Beschäftigte und Rentner. Die ältesten sind Anfang 70. Möglich ist ein Einsatz ab 18 Jahre.

Ist der Besuchsdienst Weender Engel auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen interessant?
Nalepa: Wir würden uns freuen, wenn auch ausländische Menschen bei den Weender Engeln mitmachen. Voraussetzung ist jedoch das Sprechen der deutschen Sprache. Und: Man muss nicht einer bestimmten Religion zugehörig sein, um ein Weender Engel zu werden.

Werden weiterhin Engel für den Besuchsdienst gesucht? Wann startet eine neue Schulung und an wen können sich Interessierte wenden?
Nalepa: Wir suchen fortlaufend neue Engel. Die nächste Schulung ist im Herbst. Interessierte können sich aber jederzeit an mich wenden und schon einmal zum Schnuppern kommen.

?? Informationen bei Claudia Nalepa: 0551 / 503 415 57, sowie online auf: www.ekweende.de/patienteninfo/weender-engel-besuchsdienst

Authored by: Blick Redaktion