Echt krass: George Orwells „1984“ in der DT-Tiefgarage
Winston Smith (Roman Majewski) steht permanent unter Beobachtung. Foto: M. Jauk / r

Echt krass: George Orwells „1984“ in der DT-Tiefgarage

Göttingen. Es geht alles ganz schnell: Nachdem der Zuschauer seine Eintrittskarte abgegeben hat, wird er auch schon von seiner Begleitung separiert, mit Funkkopfhörern ausgestattet – und dazu gewungen, die Augen zu verbinden, damit er nichts mehr sieht.

Und so wird er – mit murmelnden Stimmen, immer wiederkehrenden Melodien und der Botschaft „Der große Bruder sieht dich“ im Ohr – an unterschiedliche Führer weitergereicht, die ihn immer tiefer in die düstere und hoffnungslose Welt von George Orwells „1984“ bringen. Dort sitzt er nun; und obwohl er eigentlich weiß, dass er sich in der Tiefgarage des Deutschen Theaters befindet, überkommt ihn ob dieses unerwarteten Eintauchens in die Welt der Dystopie ein sehr beklemmendes Gefühl. Nach einer scheinbaren Ewigkeit beginnt die eigentliche Handlung, die sich um Winston Smith (Roman Majewski) dreht, der sich gegen den brutalen Überwachungsstaat, in dem er lebt, auflehnen will – und der glaubt, in Julia (Felicitas Madl) eine Mitstreiterin gegen den „Großen Bruder“ gefunden zu haben. Der Zuschauer wird immer wieder gezwungen, seinen Platz zu wechseln, ins Unbekannte zu gehen und sich dort hinzusetzen, wo er vielleicht gar nicht sitzen möchte. Seinen individuellen Bedürfnissen wird nicht stattgegeben – ihm ergeht es wie Winston Smith und der Gesellschaft, in der er lebt. Sie müssen sich dem Willen der Partei und des Großen Bruders beugen, die jede Handlung und jeden Gedanken überwachen, jede Erinnerung an die Vergangenheit auslöschen und Abweichler mit harten Foltermethoden gefügig machen.

Permanent muss der Zuschauer den Kopfhörer aufbehalten, damit er der Handlung komplett folgen kann – denn mal sitzt er im selben Raum wie die Schauspieler und sieht, was passiert, mal kann er ihnen über einen Bildschirm folgen, mal wird er gerade von einem Führer zum nächsten Sitzplatz gebracht… Und so wird ihm das Ausmaß des finsteren Zuhauses von Winston Smith – der Diktatur, ständig von moderner Technik und „Gedankenpolizei“ überwacht – mehr und mehr bewusst. Unbequem ist das Stück unter der Regie von Antje Thoms, ebenso wie der dystopische Roman Orwells, der erschreckende Parallelen ins Hier und Jetzt offenbart (Donald Trump, „Fake News“, Nordkorea) – und gerade das ist es, was es unbedingt sehenswert macht. Denn es verdeutlicht auf ganz eindringliche Weise, wie vergänglich die eigene Freiheit und die eigene Wahrnehmung ist. mi

❱❱ Für die weiteren Vorstellungen „sind eventuell Restkarten an der Abendkasse erhältlich“, teilt das Deutsche Theater mit. Infos: www.dt-goettingen.de

Authored by: Maren Iben