Eingliederung keine Einbahnstraße
Diskussionsrunde zu den Themen Integration und Rassismus. Foto: Kracht

Eingliederung keine Einbahnstraße

Göttingen. Mit Fragen rund um die Themen Integration und Rassismus beschäftigten sich die Teilnehmer einer Diskussionsrunde am Sonnabend vor etwa 20 Zuhörern im Haus der Kulturen am Hagenweg. „Für mich gehört Freiheit zur Integration, ebenso die Teilnahme an der Sprache“, betonte Felicitas Oldenburg (FDP). Integration habe viel mit Begegnung und Bewegung zu tun, ergänzte Renate Bank (SPD). Mehmet Tugcu (Bündnis 90 / Die Grünen) steuerte Erfahrungen aus seiner Lebensgeschichte bei.
Der Türke kurdischer Abstammung war Vorsitzender des Integrationsrates – und weiß: „Integration ist in erster Linie keine Einbahnstraße.“ Auch für ihn sei Sprache der Schlüssel; wichtig sei aber die vollständige Teilhabe von Eingewanderten am sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben der aufnehmenden Gesellschaft.

Integration immer ein längerer Prozess
Ludwig Theuvsen (CDU) beschrieb, dass es noch in den 60er-Jahren als katholisches Kind vom Lande nicht einfach gewesen sei, in eine Stadt zu kommen und sich dort zu integrieren. Es sei auch keinesfalls selbstverständlich gewesen, als Kind von Nicht-Akademikern studieren zu dürfen. Dies habe sich geändert – und diene als Beispiel dafür, dass Integration immer ein längerer Prozess sei und Offenheit erfordere. Sich offen zu zeigen heiße aber nicht, die eigenen Wurzeln verleugnen zu müssen.
Schauspieler Prashant Jaiswal erzählte davon, dass er in seiner Heimat Indien 22 Monate lang deutsch gelernt habe. Zur Expo sei er nach Hannover gekommen, wo er seine Sprachkenntnisse habe intensivieren können. Er habe erkannt: „Man sollte nicht immer mit den eigenen Landsleuten rumhängen, sondern sich den Menschen öffnen, in deren Land man leben möchte.“

Traditionen eines Landes kennenlernen
Eine gewisse Anpassungsfähigkeit forderte Moderator Torsten Bussmann ein: „Wenn ich in ein anderes Land komme, muss ich mich immer auch mit den dortigen Gepflogenheiten und Gesetzen beschäftigen.“ Ähnlich sah dies Trang Nguyen, ein bekannter Arzt aus Göttingen, der sich nach eigenen Angaben deshalb so gut integrieren konnte, weil er stets lernwillig war: „Dadurch, dass ich die Traditionen dieses Landes kennenlernen wollte, bin ich überall freundlich aufgenommen worden.“
Im zweiten Themenblock setzten sich die Gesprächsteilnehmer mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auseinander. „Wir wissen nicht wirklich, wie wir der neu aufkommenden Feindseligkeit begegnen sollen“, stellte Oldenburg fest. Zur AfD meinte Theuvsen: „Das, was Menschen lange hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, wird wieder offen ausgesprochen.“ Dem entgegenzuwirken, sei eine Aufgabe, die „uns noch jahrzehntelang beschäftigen“ werde. Zumal Deutschland immer eine Einwanderungsgesellschaft gewesen sei, wie Renate Bank hinzufügte.

Auch in Göttingen „offener Rassismus“
„Es gibt auch in Göttingen immer wieder offenen Rassismus“, entgegnete eine Frau aus dem Publikum den Äußerungen Oldenburgs und Theuvsens, wonach die Situation in Göttingen vergleichsweise unproblematisch sei – und brachte auch einige selbst erlebte Beispiele an. Sogar eine „Vorarbeiterin“, die bei der Stadt Göttingen beschäftigt sei, würde immer wieder AfD-Parolen verbreiten, und niemand unternehme etwas dagegen.
Diskutiert wurde auch darüber, was die Politik aktuell tun könne, um Integration zu erleichtern und Rassismus zu bekämpfen. Hier sei allerdings die gesamte Gesellschaft gefordert, so die einhellige Meinung.

mr

Authored by: Markus Riese