Deutschlands letztes Postorchester feiert 50-jähriges Bestehen
robt das Postorchester für sein Jubiläumskonzert.

Deutschlands letztes Postorchester feiert 50-jähriges Bestehen

Bei der Deutschen Post ist nichts mehr, wie es mal war, das Posthorn auf gelbem Grund ist geblieben. Einen akustischen Nachhall findet die Postillon-Tradition allerdings nur noch beim Postorchester Göttingen, das seit 50 Jahren besteht und am 25. Mai ab 19.30 Uhr ein Jubiläumskonzert im Alten Rathaus gibt. Nach Auflösung des Postorchesters Sundern aus dem Hochsauerland zum Jahreswechsel ist es das letzte von einstmals mehr als 20 Postorchestern in Deutschland.

Kein Postler mehr dabei

Statt hoch auf dem gelben Wagen tief im vergilbten Keller des ehemaligen Post-Betriebshofes am Bahnhof probt das Postorchester Göttingen seit Jahrzehnten. Der Raum in der muffigen und dunklen Unterwelt ist von Sycor angemietet, die letzten Postuniformen verstauben im Schrank, bei Auftritten tragen die Musiker schwarze Hosen und weiße Hemden, Wochenendproben müssen beim Sicherheitsdienst beantragt werden.

„Die Post AG weiß gar nichts mehr von uns“, sagt Vorsitzender Peter Kreitz: „Wir haben mit der Post nur noch den Namen gemein – nicht mehr und nicht weniger.“ Daraus klingt Verbitterung. Der Katakombengeist der Kellerkinder, die der Spaß am gemeinsamen Musizieren eint, ist aber ungebrochen: „Es ist Gold wert, weil es unser Raum ist.“ Nicht ein Postler ist noch unter den 30 Musikanten, nur noch ein Telekom-Mitarbeiter. Aus dem postalischen Anachronismus ist ein Eigengewächs geworden. „Vom Lehrer über den Handwerker bis zum Rentner haben wir alles dabei“, erzählt Kreitz, der im Außendienst Laborgeräte vertreibt. Für frisches Blut sorgen alle paar Jahre neue Studenten.

Das sah vor 50 Jahren, als sieben Mitarbeiter des damaligen Staatsunternehmens zur ersten Probe antraten, noch anders aus. Ursprünglich sei ein Chor angedacht gewesen, Willi Aurich als früherer Obermusikmeister eines Marine-Musikkorps habe sich aber mit dem Blasorchester durchgesetzt, berichtet der 54-jährige Vorsitzende. Ihren ersten Auftritt hatte die Kapelle bei einer Weihnachtsfeier.

Postmusiktreffen

Nach vielen Konzertreisen in den 1980er-Jahren überstand das Orchester die Privatisierung und Splittung in Post, Postbank und Telekom samt Entfall von Zuschüssen, gewann 1998 den Kulturpreis des Landkreises und richtete ein Jahr später das Bundes-Postmusiktreffen aus, stand nach der Jahrtausendwende aber kurz vor der Auflösung. Unter einem neuen Vorstand ging es dann doch weiter, Kreitz übernahm vorübergehend die musikalische Leitung, gefolgt von Jörg Mauksch. Seit zehn Jahren dirigiert Niklas Ruth das Postorchester.

Mit (geringen) Mitgliedbeiträgen und Honoraren für etwa 15 Auftritte pro Jahr hält sich das Postorchester über Wasser. „Wir müssen 3000 Euro im Jahr verdienen, um über die Runden zu kommen“, sagt Kreitz, der selbst Trompete und Flügelhorn spielt. Die Musiker treten auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt auf, spielen bei Kultur im Klinikum, haben für Kirchen und Seniorenheime ein komplettes Weihnachtsrepertoire in petto. Einmal wöchentlich treffen sich die Musiker zu Proben.

Polka und Pop

Repertoire und Instrumente haben sich seit der „Gründerzeit“ stark gewandelt. Mit voller Breitseite meistern die hochprofessionell klingenden Musiker den Spagat zwischen Polkas, Märschen und Medleys von Udo Jürgens, Adele und Johnny Cash. „Hoch auf dem Gelben Wagen“ ist nicht dabei. Auch das spricht Bände.

Mit 30 Frauen und Männern besetzt das vor 50 Jahren gegründete Postorchester Göttingen am Sonnabend, 25. Mai, um 19.30 Uhr die Bühne des Alten Rathauses. Für das Jubiläumskonzert spielen die Musiker Highlights aus ihrem üppigen Repertoire, das vom Berglandwalzer bis zu den Beach Boys, von Tulpen aus Amsterdam bis House of the Rising Sun reicht. Der Eintritt ist frei, es wird um eine kleine Spende gebeten. Oberbürgermeister und Landrat seien eingeladen, schon vor Wochen auch eine Einladung an die Post AG verschickt worden, sagt Peter Kreitz. Auf eine Reaktion der Post wartet er bislang vergebens. ku

Authored by: Blick Redaktion