Einmal Wespenbekämpfung für 1150 Euro
Eine Wespe schlüpft aus einem Wespennest.

Einmal Wespenbekämpfung für 1150 Euro

Sobald die Außentemperaturen in hochsommerliche Regionen steigen, beginnt die Wespensaison. So hatten auch im Hause einer Göttinger Familie bereits einige Insekten mit dem Nestbau begonnen – direkt in einer Wand auf dem Weg in den Garten. Um eine regelmäßige Konfrontation zwischen Mensch und Wespe zu vermeiden, entschied die Hausherrin, einen Fachmann zu konsultieren.

Sie gab in die Maske der Internetsuchmaschine die Begriffe „Schädlingsbekämpfung“ und „Göttingen“ ein und wurde schnell fündig: Eine Firma Schneider bot an, spontane Probleme ebenso schnell wieder zu beheben. Außerdem warb das Unternehmen auf seiner Homepage mit jahrelanger Erfahrung, fairen Preisen und umweltfreundlicher Vorgehensweise. Man lege zudem Wert auf eine reibungslose Terminvergabe. Sämtliche Bewertungen fielen positiv aus. Kein Grund also skeptisch zu sein.

Die Göttingerin wählte die angegebene Handynummer und erfuhr in einem freundlichen Telefonat, dass die Kollegen gerade stark ausgelastet seien, man sich aber innerhalb der nächsten zwei Stunden melden werde. Nach einer weiteren Rücksprache verabredete man sich tatsächlich für einen Termin noch am gleichen Nachmittag. Ein junger Mann erschien um 16 Uhr auf dem Grundstück der Familie.

Dort klopfte er fachmännisch gegen die betroffene Wand und erkannte sofort, dass es sich um ein großes Nest handele. Entsprechend müsse er viel von dem Mittel, das er in einem Kanister mit sich führte, einsetzen, um die Tiere zu vertreiben. Denn töten dürfe man sie schließlich nicht. Der angebliche Kammerjäger nannte sogar einen Milliliterpreis für die nicht ganz günstige Chemikalie. Auch sein Schutzanzug sei etwas ganz besonderes. „Wenn er auch sehr an die Papierschutzanzüge aus dem Malerbedarf erinnerte“, erinnert sich die Auftraggeberin.

Nach getaner Arbeit folgte dann die Überraschung: Der Kammerjäger präsentierte eine Rechnung über 1150 Euro. Allein 600 Euro berechnete er für das Mittel, sein Spezialanzug schlug mit 125 Euro zu Buche. „Zahlen Sie bar oder mit Karte?“, so seine schlichte Frage. Auf den folgenden Widerspruch der Kundin reagierte er kaum. Die fühlte sich in dem Moment dann aber so verunsichert, dass sie ihre Karte in das von ihm mitgebrachte Lesegerät steckte und den Betrag beglich. „Ich weiß auch nicht, wie er reagiert, wenn ich mich geweigert hätte.“

Und genau auf diesem Überraschungsmoment setzen die betrügerischen Dienstleister. Bevor sich die Kunden besinnen oder Rücksprache halten können, sind sie längst verschwunden – das Geld in der Regel auch. So auch in diesem Fall. Als sich die Göttingerin im Nachgang in der mutmaßlichen Firmenzentrale beschweren wollte, wurde ihr in Aussicht gestellt, Herr Schneider werde sich persönlich um die Angelegenheit kümmern. Tatsächlich aber blieb der Anruf, wie auch eine Mail und die Androhung von juristischen Schritten unbeantwortet.

Nach kurzer Recherche wird klar, dass es einen Herrn Schneider ebenso wenig gibt, wie seine Firma. Auch die Internetseite ist wenig später nicht mehr auffindbar. Dafür taucht das Angebot mit gleichem Text und gleichen Bildern umgehend unter dem Namen Kammerjäger Roth wieder auf. Auch hier wirbt man mit 47 Jahren Berufserfahrung im Bereich Insektenbekämpfung. Erst der kleingedruckte Text im Impressum verrät, dass es sich bei Schneider alias Roth nicht um einen Göttinger Kammerjäger, sondern lediglich um eine Vermittlungsfirma mit Sitz im Ruhrgebiet handelt, die Aufträge an andere Unternehmen weitergibt. Daher könne man auch nicht für Preise und Qualität der Arbeiten haften, heißt es dort.

Diese Masche ist der Göttinger Polizei bereits bekannt. Erst im April war ein Göttinger Ehepaar auf einen Handwerkerservice hereingefallen, der für das Speichern von zehn Fernsehsendern 600 Euro berechnet hatte. Die Ermittler des dritten Fachkommissariats gehen davon aus, dass die Täter gut vernetzt sind. Sie treten als Anbieter von Schlüsseldiensten, Hausmeisterservice oder wie in den jüngsten Fällen als Schädlingsbekämpfer auf. Die Spuren führen immer wieder in die Region um Bochum und Essen.

Für die Göttinger Familie mit dem Wespennest gibt es noch einen Hoffnungsschimmer. Bisher wurden die 1150 Euro noch nicht abgerufen. Ob die Wespen tatsächlich aus ihrem Nest verschwunden sind, ist allerdings auch noch nicht klar.

Authored by: Blick Redaktion