Die Mutperlenkette ist  wie eine Lebenslinie
Finn Gille zeigt stolz seine Mutperlenkette.

Die Mutperlenkette ist wie eine Lebenslinie

Ein kecker Hut mit Haien ziert den Kopf des vierjährigen Finn. Das modische Accessoires gefällt ihm offensichtlich gut. Bei der Erwähnung der Kopfbedeckung nimmt er sie ab, schaut sich die Tiere darauf interessiert an. Kleine Haarstoppeln sind auf seinem Kopf zu erkennen. „Sie wachsen langsam wieder“, sagt Finns Mutter Lydia Gille und kann nicht verhindern, dass ihre Augen feucht werden.

Mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung kam der kleine Finn im Januar 2019 ins Krankenhaus. Als neben Erbrechen auch noch Ausfallschritte dazu kamen, bestand seine Mutter auf eine eingehende Diagnostik. Zwei Tage später hatten die Gilles Gewissheit. „Finn hat ein Medulloblastom im Gehirn“, erklärt die Mutter. Dabei handelt es sich um einen bösartigen embryonalen Tumor des Kleinhirns. Er tritt bevorzugt im Kleinkindes- und Kindesalter auf und ist in dieser Altersgruppe der häufigste bösartige Hirntumor.

Für Finn folgten Operation, Chemotherapien, Bestrahlungen. Einen Monat lang als Folge der Operation konnte er nicht sprechen. „Eigentlich war er bis dahin eine Quasselstrippe gewesen, aber plötzlich sprach er kein Wort mehr“, erinnert sich Lydia Gille, die mit ihrer Familie in Uder lebt. Unter Zuhilfenahme eines Quietscheballs klappte die Verständigung in dieser Zeit.

Mit Gleichgewichtsproblemen hat der kleine Junge noch zu kämpfen, bewegt sich zu Hause mit einem Rollator, kann aber auch an der Hand der Eltern laufen. „Er hat schon tolle Fortschritte gemacht“, sagt seine Mutter freudestrahlend. Zu Hause ist Finn der Chef. Mit seinem achtjährigen Bruder Felix spielt er Transformers und das Kakerlakakspiel. Auf die Frage, wer denn meistens gewinnt, schmunzelt Finn vielsagend. Spielen ist nicht der richtige Ausdruck dafür, was Finn mit seiner Mutperlenkette macht. Er lässt sie durch die Finger gleiten, schaut sich versonnen die bunten Perlen an, die unterschiedliche Bedeutungen haben. Den Löwen und die Figur mit der Kappe mag er besonders. Der Löwe steht für eine Behandlung, wenn für Bestrahlungen eine Maske angefertigt werden muss, die Kappe für den Tag, wenn die Haare ausfallen.

1,27 Meter ist die Mutperlenkette von Finn mittlerweile lang. Für ihn selber hat sie noch nicht die Bedeutung, wohl aber für seine Familie. „Jetzt versteht er es noch nicht, aber sie ist für später, dass er alles verarbeiten kann. Der Therapieverlauf ist gut nachvollziehbar. Die Kette ist wie eine Lebenslinie, die einen begleitet“. Begleitet hat sie ihren kleinen Sohn ständig, schöpft Kraft aus jedem MRT ohne einen neuen Befund, der einen Rückschlag bedeuten würde, aus den Kontakten zu ebenfalls betroffenen Eltern. „Die Gespräche mit anderen Eltern helfen uns sehr. Es ist schon etwas anderes, als wenn man nur mit einem Psychologen spricht“, erläutert Lydia Gille, die sehr froh ist, dass ihr Sohn zu einer Studie zugelassen wurde. „Es handelt sich um die Low-Risk-Studie. Es mussten gewisse Anforderungen erfüllt werden, deswegen bin ich sehr froh, dass es geklappt hat. Finn profitiert davon“, erklärt Gille.

In ihrem Heimatort hat es ein Benefizkonzert für ihren Sohn gegeben, auch sein Kindergarten kommt hin und wieder vorbei und singt Finn etwas vor. „Wenn es die Blutwerte zulassen, dann gehen wir auch schon einmal wohin, aber große Menschenmengen meiden wir natürlich“, sagt sie.

Zu groß ist die Gefahr für Finn, sich in Anbetracht seines geschwächten Immunsystems anzustecken. Wenn alles gut verläuft, dann ist Finn im November mit seiner Behandlung fertig. Einen Plan gibt es dann auch schon: „Wir haben unter den betroffenen Eltern schon gesagt, dass wir uns dann alle im Legoland treffen und eine Sause machen wollen.“ Klar, dass es dann auch sein Lieblingsessen geben muss. „Ich esse gern Nudeln mit Tomatensauce“, erzählt der kleine Junge und lacht dabei. Schokolade ist hingegen nicht so sein Ding, aber Salzstangen und Pombären mit Ketchup findet er großartig.

Authored by: Blick Redaktion