28 Tora-Wimpel  restauriert
Präsentation der restaurierten Tora-Wimpel des Städtischen Museums Göttingen: Kuratorin Andrea Rechenberg und Volontärin Adina Eckart.

28 Tora-Wimpel restauriert

Vor vier Jahren ist das Projekt gestartet, 28 Tora-Wimpeln aus dem Bestand des Städtischen Museums zu restaurieren. Jetzt haben die Verantwortlichen die fertigen Exponate präsentiert.
Als „sehr wichtig für das Städtische Museum und die Stadt“ bezeichnet Museumsleiter Ernst Böhme die Stücke. Sie seien „Ausdruck der jüdischen Kultur in der Region“. Die Hamburger Restauratorin Ada Hinkel hat sie in den vergangenen Monaten überarbeitet.

Neun der Tora-Wimpel seien bestickt, die weiteren 19 bemalt, erklärte Hinkel, die sich auf Textilrestauration spezialisiert hat. Teils seien die Wimpel in der Familie hergestellt worden, teils auch eher professionell. Gefertigt wurden sie aus der Windel, die bei der Beschneidung eines jüdischen Jungen unter das Kind gelegt wurde. In Streifen auseinandergeschnitten, die der Länge nach zusammen genäht wurden, erreichten die Wimpel teils eine Länge von mehr als drei Metern.

Die Tücher sollten die Kinder durch ihr Leben begleiten. Viele der schmucken Stoffe wurden in Synagogen aufbewahrt und um die Tora gewickelt, die Schriftrolle, in der die fünf Bücher Mose festgehalten sind, die jedes Jahr ritualisiert komplett in der Gemeinde vorgelesen werden müssen. Die Wimpel wurden in die Synagoge gebracht, wenn der Junge erstmals mit dem Vater in die Synagoge ging.

Länger als ein Jahr habe die Restaurierung der 28 Stücke aus dem Städtischen Museum gedauert, erläuterte Hinkel. Sie habe die Exponate einzeln nacheinander bearbeitet, aber dennoch darauf geachtet, dass sie „wie aus einem Guss“ wirkten. Sie habe die Stücke durchfotografiert, mit einer winzigen Pipette gereinigt, mit einer Art Klimakammer angefeuchtet, beschwert und so geglättet. Ziel sei es gewesen, „zu erhalten und nicht hinzuzufügen. Der Erhaltungszustand sollte fixiert werden.“

Ihre Arbeit begann Hinkel mit den bestickten Tora-Wimpeln. Bei diesen Stücken seien neben Seiden- auch Silberfäden verarbeitet worden. Bei den Versammlungen habe das Metall sicherlich stimmungsvoll geglänzt, sagt Kuratorin Rechenberg. Über die Jahre ist das Silber allerdings zerfallen und kaum mehr sichtbar. Löcher, sogenannt Fehlstellen, hat Hinkel mit hinterlegtem Stoff geschlossen. Eigens dafür habe sie viele Proben gefärbt, um den richtigen Farbton eines jeden Tora-Wimpels zu treffen.

Gestaltet sind die Stoffe mit Motiven, die den möglichst glücklichen Lebensweg des Jungen vorherbestimmten sollten. Bittschriften sollten ihm eine gute Ausbildung, eine glückliche Ehe mit reichem Kindersegen und ein Leben im Glauben bis zum Tod bringen sollten. Das Geburtsdatum ist ebenso festgehalten wie das Sternkreiszeichen. Teils wurde das in Bildern festgehalten, teils auch in Buchstaben. Der älterste Tora-Wimpel im Museumsbestand wurde ursprünglich auf 1648 datiert. Inzwischen sei die Jahreszahl allerdings auf 1690 korrigiert, erklärt Museumsleiter Böhme. Hintergrund sei die hebräische Schrift, die nicht immer ganz eindeutig sei. Darauf hätten sich Wissenschaftler der Göttinger Universität berufen, die das Tora-Wimpel-Projekt wissenschaftlich begleiten. Böhme misst den Judaica im Bestand des Städtischen Museums Göttinger internationale Bedeutung bei – vor allem wegen der Tora-Wimpel. Als Begründung dafür nennt er vor allem, dass sie aus dem Raum Göttingen stammen und das viel bekannt ist über die Familien und die Personen, denen die Tora-Wimpel gewidmet waren, laut Böhme einzigartig auf der Welt. pek

Authored by: Blick Redaktion