Herr der Lebkuchenhäuschen
Harald Gerke hat ein schönes Hobby: In der Vorweihnachtszeit bastelt er Lebkuchenhäuser und verschenkt sie an Verwandte und Bekannte.

Herr der Lebkuchenhäuschen

Seit 46 Jahren fertig Harald Gerke Lebkuchenhäuschen, die er an Freunde und Verwandte verschenkt. 22 sind es in diesem Jahr geworden. Übernommen hat er das Hobby von seinem Vater Hermann, der seinen drei Söhnen jedes Jahr selbst gemachte Lebkuchenhäuschen geschenkt hat. „Das war Weihnachten“, sagt er.

Wenn es auf die Adventszeit zugeht, bereitet sich Harald Gerke vor. Gemeinsam mit seiner Frau Gudrun kauft er große Mengen Mehl, Zucker, Honig und Süßigkeiten. Die nächsten zwei Monate steht der 76-Jährige dann täglich in der Küche, rührt Teig mit dem Handmixer, schneidet Lebkuchenplatten zurecht und macht Zuckerguss.

Am Anfang hat Gerke nur für sein Sohn Joachim gebacken, später kamen Nachbarskinder dazu und „dann hat sich das verselbstständigt“, erzählt Gudrun Gerke. Immer wenn ihr Mann gefragt wurde, habe er ja gesagt. Und „schon hatte er wieder eins an der Backe.“ So wie vor Kurzem erst, als der 76-Jährige beim Arzt einen Bekannten traf.

Ein paar Mal hat Gerke in den vergangenen Jahren mit dem Teig experimentiert, zum Beispiel etwas Muskat hinzugefügt. Am Ende ist er aber immer zu seinem Rezept zurückgekehrt. „Das ist das Beste.“ Fertigen Lebkuchenteig zu benutzen, kommt für den 76-Jährigen nicht infrage. „Dann weiß ich ja nicht, was da drin ist.“ Cola-Flaschen, Schokolinsen, buntes Fruchtgummi und Schokotaler mit Zuckerstreuseln – beim Verzieren lässt Gerke seiner Fantasie freien Lauf. Jedes Haus ist ein Unikat. „Doppelt oder so gibt es nicht“, sagt er.

Die Lebkuchenhäuser baut Gerke auf Schneidebrettchen zusammen, die er ebenfalls dekoriert. Früher waren es so viele, dass der ganze Esszimmertisch in der Weihnachtszeit vollstand. Heute wird ausgeliefert oder abgeholt, was fertig ist. „Wer kein Brettchen dabei hat, kriegt kein neues Haus“, sagt Gudrun Gerke und klopft mit dem Zeigefinger auf den Tisch, wie um sich selbst und ihren Mann zu ermahnen. Noch vor einigen Jahren seien die Häuschen „ausgeklügelt“ gewesen; mit der Zeit wurden sie einfacher. „Er kann mit den Händen nicht mehr so.“

Beim Arbeiten an den Lebkuchenhäusern kann Gerke abschalten. „Ich denke dabei sehr an meine eigene Kindheit, an Zuhause und wie Kinder sich drüber freuen können“, sagt er. Die Idee mit den Lebkuchenhäuschen stammt von seinem Vater. Hermann Gerke war Frührentner, litt nach dem Krieg unter Kopfgrippe. Die Familie musste mit wenig auskommen. Gekocht werden konnte am Sonntag erst, wenn sein Vater beim Schlachter günstig Reste bekommen hatte.

Süßigkeiten wie Harald Gerke sie heute in allen Formen und Farben zum Dekorieren nimmt, hatte sein Vater nicht. Die Häuschen bestanden aus reinem Lebkuchen. „Mehr gab‘s ja nicht nach dem Krieg“, sagt Gerke. Um seine Eltern zu unterstützen, half er während der 7. und 8. Klasse in einer Bäckerei aus, wo er Backbleche schrubbte. Gebacken hat er dort nicht, auch nicht zu Hause. „Das war Mutters Sache.“

Die sprach mit ihren Söhnen Platt, bevor sie in der Schule Hochdeutsch lernten. Ärgerte sich Helene Gerke über ihre Kinder, fiel sie ins Plattdeutsche zurück. Daran erinnert sich Harald Gerke genauso wie an die Weihnachtsfeste von früher. „Da wurde Weihnachten noch ganz anders gefeiert.“ Der gebürtige Rosdorfer wuchs in der Unteren Mühlenstraße in einem Mietshaus auf, wo an „Weihnachten bei jedem kurz reingeguckt“ wurde. „Wenn ich dabei sitze, fällt mir das wieder ein“, sagt Gerke über die Tage am Küchentisch. Manchmal sei er ganz schön geschafft, sagt Gudrun Gerke. „Den jungen Leuten was Gutes tun“, möchte Harald Gerke trotzdem weiterhin. Aufhören kann er eigentlich auch nicht – schließlich haben die meisten schon wieder fürs nächste Jahr vorbestellt. nog

Authored by: Blick Redaktion