Spannende Entdeckungsreise
Besucher betrachten eine Grafik von Käthe Kollwitz.

Spannende Entdeckungsreise

Die Ausstellung „150 Jahre Käthe Kollwitz Verfolgte Moderne“ ist am Sonntag im Alten Rathaus Göttingen eröffnet worden. 48 Arbeiten von Künstlern, die im Nationalsozialismus von Diffamierung und Verfolgung betroffen waren, zeigt die Schau. Ein Schwerpunkt liegt auf den Arbeiten von Käthe Kollwitz.

Ihre Arbeiten heißen „Hunger“, „Heimarbeit“ oder „Erwerbslos“ und zeigen das Leben der Arbeiterklassse in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, zeigen sehr deutlich, fast plakativ Elend, Kummer, Verzweiflung. Kollwitz gehört zu den bedeutendsten und bekanntesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die noch bis 23. Februar im Alten Rathaus zu sehen ist. 11 Originalarbeiten sind darunter und einige Lichtdrucke aus einem Bildband aus dem Bestand der Stadtbibliothek Göttingen. Werke von Max Beckmann, Otto Dix, Oskar Kokoschka, Conrad Felixmüller, Greta Overbeck oder Anton Kerschbaumer erweitern die Ausstellung.

Die meisten Arbeiten stammen aus einer Ausstellung, die 2017 anlässlich des 150. Geburtstages von Kollwitz und des 80. Jahrestages der in München gezeigten Ausstellung „Entartete Kunst“ vom Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses der SPD konzipiert worden war. Lange Zeit sei daran gearbeitet worden, „die Ausstellung nach Göttingen zu holen“, so Kulturdezernentin Petra Broistedt bei der Eröffnung der Ausstellung.

Die ehemalige Göttinger SPD-Bundestagsabgeordnete Inge Wettig-Danielmeier und ihr Mann, der ehemalige SPD-Europaabgeordnete Klaus Wettig, hätten bei der Vermittlung eine besondere Rolle gespielt. Wettig hat die Sammlung des Freundeskreises in den vergangenen 16 Jahren mit aufgebaut. Der Bestand umfasst unter anderem zwischen 1897 und 1931 entstandene Arbeiten von Künstlern, die von den Nationalsozialisten diskreditiert, diffamiert, verfolgt und getötet wurden.

Kollwitz (1867 –1945) wurde aufgrund ihrer Nähe zum Sozialismus und ihrer pazifistischen Haltung ab 1933 in ihrer Arbeit behindert. So wurde sie zum Austritt aus der Akademie der Künste gezwungen, verlor ihre Meisterklasse. Kollwitz Werke wurden von den Nationalsozialisten wie die anderer Künstler zur „entarteten Kunst“ erklärt und aus den Museen entfernt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sei es „mit der Vielfalt der Kunstschaffenden der Weimarer Republik“ vorbei gewesen, so Broistedt. Schon 1933 wurden nicht nur Bücher, sondern auch Mappen mit Werken verschiedener Künstler verbrannt, ergänzte Wettig. Viele erhielten Berufs- und Ausstellungsverbote. Und viele traf dies relativ am Anfang ihrer Künstlerkarrieren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei die Aufarbeitung dieses Themas nur langsam voran gekommen. Es gebe noch viel Vergessenes und Unterschlagenes, was entdeckt werden könne, so Wettig. Die Ausstellung solle „ein gemeinsames Zeichen setzen für die Freiheit der Kunst“, sagte Broistedt.

Die Lichtdrucke von Kollwitz zeigen unter anderem einige Selbstporträts und das berühmte Bild vom toten Künstlerkollegen Ernst Barlach. Unter den 11 Originalen ist auch eine Arbeit für eine Kampagne gegen Alkoholmissbrauch und das Gedenkblatt für Karl Liebknecht. Beim Rundgang lassen sich aber auch ganz andere Arbeiten entdecken, ein geradezu romantisches Öl-Gemälde von Fritz Schulze etwa oder eine Arbeit von Anton Kerschbaumer, ein Spät-Expressionist der zweiten Generation. Sie stammt aus einer Serie von Arbeiten, die er 1923 am Landwehr-Kanal in Berlin erstellt hat und zeigt das Hallesche Tor und die Möckernbrücke.
Die Ausstellung ist eine spannende Entdeckungsreise zu bekannten und weniger bekannten Künstlern der Weimarer Republik. Unterstützt wird dies von den ausführlichen Texten zu den einzelnen Arbeiten. Das Team um die Kuratorin der Berliner Sammlung Mirja Linnekugel und ihre Göttinger Mitstreiter vom Kulturamt habe viel Arbeit in die Texte an den Werken investiert, so Wettig. chb

Authored by: Blick Redaktion