Singender Sanitäter kritisiert  das Gesundheitssystem
Frustrierter Notfallsanitäter: Felix Haehne.

Singender Sanitäter kritisiert das Gesundheitssystem

Mehr als eine Million Menschen haben das Video angeklickt, das Felix Haehne auf Youtube gepostet hat. Fröhlicher Song, ernstes Thema. Der Notfallsanitäter kritisiert das Gesundheitswesen.

„Ich würde von mir nicht behaupten, dass ich der Sängertyp bin“, sagt der 26-Jährige. „50 Prozent der Töne treffe ich, das reicht ja heutzutage aus.“ Der Notfallsanitäter ist Hobbymusiker. Zehn Jahre lang hatte er Klavierunterricht, ausprobiert hat er auch andere Instrumente wie Schlagzeug und Saxofon. Vor einem halben Jahr kaufte er sich eine Ukulele. „Die kann man gut mitnehmen“, sagt Haehne. Das Spielen brachte er sich selbst bei.

Über das Lied, das ihm eine gewisse Berühmtheit bescherte („In der Szene kennt man mich schon“), sagt er: „Das ist nichts kompliziertes.“ Es sei „total einfach gehalten. Sowas findet man in der Popmusik ständig.“
Die Idee dazu sei ihm nachts gekommen. Er habe Lust gehabt, Ukulele zu spielen. „Dann schießen einem ein, zwei Zeilen durch den Kopf, dann fällt einem eine Melodie dazu ein. Das ist eine Art Musikwerkstatt, in die man dann geht.“

Nüchtern habe er die Situation als Notfallsanitäter darstellen wollen, wie sie sei, aber „mit Witz und Ironie dahinter“. Als Notfallsanitäter fühle er sich häufig unterfordert. Das sei soweit gegangen, dass er ungern zur Arbeit gegangen sei. In seinem Lied nannt er sich Krankenwagenbelademeister – „einladen, ins Krankenhaus fahren, fertig“. So hatte er sich den Beruf nicht vorgestellt.

„Es fühlt sich nicht so an als würden wir das, was wir gelernt haben, anwenden.“ In den meisten Fällen seien invasive Maßnahmen bei einem Einsatz notwendig, das heißt, der Notfallsanitäter muss dem Patienten Spritzen oder Infusionen setzen und Medikamente geben. Laut dem Heilpraktikergesetz aus dem Jahr 1936 dürfen sie das eigentlich nicht. 2014 dann trat ein Notfallsanitätergesetz in Kraft. Das Allerdings scheint den Berufsstand nicht zu begeistern. „Der Gesetzgeber hat es verpasst, den Notfallsanitäter straffrei herauskommen zu lassen“, meint Haehne.

Wenn der Notfallsanitäter bei einem Einsatz tätig wird, sei er gezwungen, das Heilpraktikergesetz zu brechen, und er begehe Körperverletzung, erklärt Haehne. Die Gesetzgebung habe sie dafür schützen sollen, „doch mittlerweile müssen wir von einem Regeltatbestand ausgehen – der Notfallsanitäter macht sich eigentlich immer strafbar. „Ich war einmal Zeuge in einem Verfahren gegen einen Kollegen“, sagt Haehne.

„Wir dürfen Basismaßnahmen machen“, erklärt der Notfallsanitäter. Die Bauchdecke dürften sie beispielsweise entlasten, wenn der Patient Schmerzen hat, oder einen gebrochenen Arm schienen oder kühlen. „Gegen die Schmerzen hilft das meistens wenig.“ Alles, was darüber hinaus geht, darf nur der Notarzt. „Der Gesetzgeber zieht keine klare Linie“, meint Haehne.

Drei Jahre lang sei er ausgebildet worden, die invasiven Maßnahmen würden von Beginn an gelehrt, erläutert Haehne. Am Ende der Ausbildung stünden acht Prüfungssituationen. Anwenden dürfe er sie dann allerdings laut Gesetz nicht. Notärzte fordere er nur in lebensbedrohlichen Situationen nach. Denn der Notfallsanitäter solle in Zeiten des Fachkräftemangels den Notarzt entlasten. Sich und seine Kollegen sieht er inzwischen an der Belastungsgrenze angekommen. Neben der rechtlichen Unklarheit kritisiert Haehne vor allem die Aus- und Fortbildungssituation. Er sieht „einen riesigen Fachkräftebedarf“ durch die Verrentung älterer Kollegen und durch die gesetzliche Vorgabe, dass ab 1. Januar 2023 zwingend mindestens ein Notfallsanitäter auf dem Rettungswagen mitfahren muss.

Probleme sieht Haehne allerdings auch an anderer Stelle. Menschen riefen immer häufiger wegen Lappalien an. Wegen eines verstauchten Fußes beispielsweise. „Wir hatten auch schon einen eingerissenen Nagel.“

Authored by: Blick Redaktion