Wenn Kinder auf der Straße leben
Jugendliche Obdachlose kommen häufig irgendwo unter. Im Notfall bleibt aber auch für sie nur die Nacht in der Kälte.

Wenn Kinder auf der Straße leben

Sie haben Stress zu Hause, erleben Gewalt oder Missbrauch, manche werden auch schlicht auf die Straße gesetzt oder suchen das Abenteuer. Es gibt viele Gründe, weshalb Jugendliche das Elternhaus verlassen. Was folgt, ist nicht selten ein Überlebenskampf. Denn sie wenden sich selten an offizielle Anlaufstellen aus Angst zurückgeschickt zu werden. Oft kommen sie bei Bekannten unter, manchmal aber auch nicht – sie sind obdachlos.

Nach den letzten offiziellen Zahlen des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2017 sind mehr als 7000 Minderjährige von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit betroffen. Ein Drittel von ihnen lebe ausschließlich auf der Straße, heißt es von offizieller Seite. Dabei sollte es sie offiziell eigentlich gar nicht geben. Kinder und Jugendliche gehören in die Obhut ihrer Eltern und werden deshalb formal deren Wohnadresse zugeordnet. Auch wenn ein Leben bei der Familie längst nicht mehr möglich ist.

„In Göttingen ist die Zahl immer relativ konstant“, sagt Uwe Friebe vom Verein Förderer. Etwa 20 Jugendliche aus ganz Deutschland seien hier unterwegs und kämen in die Einrichtung am Rosdorfer Weg. Hier laufen sie nicht Gefahr, beim Jugendamt gemeldet zu werden und bekommen unbürokratisch Hilfe. „Wir tun, was wir können“, sagt Elke Niemeyer-Friebe. Die Mittel dürfen dabei auch mal etwas unkonventionell sein.

So hätten sie beispielsweise vor Jahren ein Mädchen bei sich zu Hause untergebracht und ihm einen Schulplatz besorgt. Eine andere Hilfe sei nicht möglich gewesen, weil das Jugendamt am Heimatort die Kosten für eine Unterbringung nicht übernehmen wollte und der Weg nach Hause versperrt war. Sie nannten sie Mary, den echten Namen wollte sie nicht verraten. „Ich muss nicht alles wissen“, sagt Friebe lächelnd. Die Geheimnisse und kleinen Lügen gehören zum Spiel. Ihnen sei es wichtiger, Vertrauen aufzubauen, als die ganze Wahrheit aufzudecken.

Kurzfristig konnte Mary damals geholfen werden, langfristig kam sie leider nicht aus dem Teufelskreis heraus. Der frühe Kontakt zu Alkohol und Drogen beeinflusst den Lebenslauf fast aller Betroffenen. Auch wenn sich seiner Erfahrung nach die Jugendlichen von den Szene-Treffpunkten der älteren Obdachlosen fernhielten, hätten sie bereits mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. „Der Drogeneinstieg ist immer früher möglich“, so Niemeyer-Friebe. Früher habe es in der Szene so etwas wie einen Ehrenkodex gegeben, nicht an Kinder zu verkaufen. „Das ist vorbei.“

Vor einigen Jahren interviewten die Mitarbeiter des Vereins junge Menschen in der Göttinger Innenstadt. Das Vorgehen war denkbar einfach. Sie gingen während der Schulzeit durch die Fußgängerzone. Wer zu der Zeit unterwegs ist, gehört mit großer Wahrscheinlichkeit zur Zielgruppe. Knapp 70 Gespräche hätten sie damals geführt, etwa ein Drittel habe angegeben, keine feste Bleibe zu haben. Die Zahl habe sich seither kaum geändert, sagt Friebe.

Es gibt Erklärungsversuche, warum Göttingen eine gewisse Anziehungskraft für umherziehende Jugendliche hat. „Göttingen liegt in der Mitte des Landes“, sagt Oliver Sauer, Sozialarbeiter bei der Jugendhilfe Göttingen. Das mache es auf der Durchreise attraktiv. Zumal in der Studentenstadt die Chancen gut stehen, mit Betteln ein bisschen Geld zusammenzubekommen. Sauer und seine Kollegin Milena Jurczik sind seit Jahren die Gesichter der Anlaufstelle in der Unteren Karspüle.

Ihre Tür steht allen Jugendlichen offen, die in schwierige Lebenssituationen geraten sind. Sie begleiten bei Arztterminen, gehen mit den Jugendlichen zu Behörden oder helfen bei der Wohnungssuche. Letzteres gestalte sich allerdings in Göttingen immer schwieriger, so Sauer. Wie viele Jugendliche ohne feste Bleibe es mittlerweile in der Stadt gibt, lasse sich schwer sagen. Vermutlich liege Friebe mit seiner Schätzung ganz gut, sagt er.

Mike Wacker, Leiter der Straßensozialarbeit, einer Einrichtung des Diakonischen Werks, hält sich mit Zahlen ebenfalls lieber zurück – er weiß um die Dunkelziffer. Die Straso registrierte lediglich einen offiziellen Kontakt im Jahr 2019. Es war ein Mädchen, das dann tatsächlich an das Jugendamt vermittelt wurde. Das sei aber keinesfalls die Regel, fügt er hinzu. „Wenn wir gewahr werden, dass ein Minderjähriger in Göttingen unterwegs ist, sind wir vor allem eines: sehr sensibel.“ Er erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Mädchen schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht habe. „Wenn du dann zum Amt gehst, sind sie sofort weg.“

Vor ein paar Tagen stand eine Gruppe sehr junger Männer im Büro der Förderer. Sie wurden zunächst einmal mit Schlafsäcken, Matratzen und Decken ausgerüstet und verbrachten eine Nacht im Bahnhof. „Im Winter hat das Leben auf der Straße nicht mehr viel mit dem zu tun, was man sich anfangs darunter vorgestellt hat“, weiß Friebe. Und die bevorstehenden Feiertage machen es nicht leichter. Während sich dann überall die Menschen um den Weihnachtsbaum versammeln, haben 7000 Minderjährige kein festes Dach über dem Kopf.

Authored by: Blick Redaktion