Herzkinder toben mit BG-Profis
Kyan Anderson hat den höhenverstellbaren Kinderkorb zu Jeremy gebracht. Der 13-Jährige mag Ballsport.

Herzkinder toben mit BG-Profis

Nur wenige Teams haben die Bundesliga-Basketballer der BG Göttingen in den vergangenen Wochen in die Knie gezwungen. Das, was der FC Bayern München oder die Skyliners aus Frankfurt nicht geschafft haben, ist am Donnerstagnachmittag einigen Kindern in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) gelungen. Die Osthalle des Klinikums war für eine Stunde zur Sporthalle geworden, aktuelle und ehemalige Patienten der Kinderkardiologie spielten mit den Basketball-Profis, ließen sich mit ihnen fotografieren und kleine orangefarbene Basketbälle signieren. Und wenn es nötig war, gingen die langen Sportler auf die Knie, um auf Augenhöhe mit den Kindern zu sein.

Auf Initiative des Fanclubs Veilchen-Power wurde während des Heimspiels gegen den MBC aus Weißenfels am 1. Februar um Becherpfand-Spenden gebeten. Rund 300 Euro sind dabei zusammen gekommen. Das Geld wurde in drei kindgerechte, höhenverstellbare Basketballkörbe und Bälle investiert, die der Kinderkardiologie am Donnerstagnachmittag im Beisein der Mannschaft der BG Göttingen und Kinder von der Station sowie ehemaligen Patienten und deren Eltern übergeben wurden. Matthias und Sabine Klar vom Vorstand des Fanclubs hatten die Aktion „eigentlich als eine kleine Geste“ gesehen. „Diese Becherspenden gehen locker von der Hand. Und wenn die Zuschauer in der Halle wissen, wofür das Geld gedacht ist, sind sie noch eher dabei. Gemeinsam mit BG-Spielerfrau Meredith Kramer und Marketing-Mitarbeiterin Anna-Lena Wagner wurde das Projekt dann realisiert.

Mit Anderson und Allen

Jeremy Langer war von Geburt an ein Herzkind. Der heute 13-Jährige sitzt in einem Rollstuhl, ein an diesem befestigtes Gestell hält den Schüler aus Bad Lauterberg aufrecht. Seit sechs Wochen befindet er sich in Behandlung im Klinikum. Sein Herzfehler wurde vor Jahren durch zwei große Operationen korrigiert, ein Herzschrittmacher und ein Defibrillator wurden ihm eingesetzt. „Wir sind seit seiner Geburt Stammgäste hier in Göttingen“, erzählt seine Mutter. Jetzt sei eine Skoliose festgestellt worden, in zwei Wochen wird Jeremy an der Wirbelsäule operiert. Der zurückhaltende Sechstklässler nimmt am Sportunterricht teil, macht das mit, was er sich zutraut. „Ballsportarten mag er besonders gern“, sagt seine Mutter. Die langen Basketballer schaut er sich zunächst nur aus der Ferne an. Kyan Anderson und Terry Allen nehmen dann einen der Basketballkörbe und gehen zu Jeremy. Seine Augen leuchten, er traut sich ein paar Bälle zu werfen, während Chase, der jüngste Sohn von BG-Center Dennis Kramer, mitspielt.

Ehemalige Patienten sind die zehnjährigen Zwillinge Alexander und Maximilian Orth, die als Frühchen auf die Welt gekommen sind und in der Kinderkardiologie in Behandlung waren. „Wir sind sehr gut betreut worden und haben die Verbindung über all die Jahre gehalten, bringen immer ausrangierte Spielsachen auf die Station“, erzählt ihre Mutter Manuela Orth. Die Zwillinge toben mit dem Ball, Alexander trägt ein lilafarbenes T-Shirt mit der Aufschrift „Göttingen Basketball“ – wie es auch die BG-Spieler angezogen haben. Immer wieder hält er inne und schaut an den Spielern hoch. Alex Ruoff mag er besonders gern.

Spieler reflektieren Situation

Der 33-Jährige war zwischendrin, gemeinsam mit Elias Lasisi und Adam Waleskowski, auf der Intensivstation. Dort haben sie ein sechs Monate altes Mädchen besucht und mit deren Eltern geredet. „Wenn man das sieht, weiß man, was für ein gutes Leben wir haben“, sagt der Belgier Lasisi, der solche Termine außerhalb des eigentlichen Sports mag. „Wir können den Kindern und Eltern Energie geben. Gestern war ich in Bovenden in der Schule. So lernen wir diese Stadt und ihre Menschen besser kennen“, sagt Lasisi. Waleskowski fügt an: „Wir haben mit den Eltern gesprochen. Ich denke, sie sind froh, wenn ihnen jemand zuhört. Vielleicht fühlen sie sich danach ein wenig besser. Ich hatte bislang Glück und bin 37 Jahre gesund gewesen.“

Steven Gilch war auch einmal ein Herzkind mit zwei Operationen. Der Witzenhäuser, der jetzt in Göttingen lebt und für Ausdauerläufe trainiert, ist regelmäßig zu Nachuntersuchungen im Klinikum – die auch mit 27 Jahren noch auf der Kinderstation vorgenommen werden. Inzwischen engagiert er sich bei den EHMAs – einer Organisation, die hilft und berät. Erst kürzlich war der Basketballfan der BG bei einem Elterncoaching. „Ich möchte ein Mutmacher für andere sein. Kinder wollen sich bewegen und ich möchte zeigen, dass das auch funktioniert.“ Das bestätigt auch Maria-Frederika Mandt aus Wilhelmshaven, die vier Tage nach ihrer Geburt in Kiel am Herzen operiert wurde und danach Monate auf der Intensivstation verbrachte. „Inzwischen lebe ich ohne Einschränkungen, führe ein ganz normales Studentenleben und möchte auch als Mutmacherin aktiv werden.“

Als Beobachterin ist Amira Becker an diesem Nachmittag dabei. Sie hat schon vor zehn Jahren, gemeinsam mit dem ehemaligen BG-Spieler Jason Boone, erstmals die Kinderkardiologie besucht. „Erst war das eine Vereinsgeschichte der BG Göttingen, dann haben Jason und einige Mitspieler das privat weitergeführt. Wir waren meistens zur Weihnachtszeit im Klinikum.“

Zufrieden sind Heike Bauer von der Initiative GEKKO (Göttinger Eltern kardiologischer Kinder Kontaktgruppe) und Prof. Thomas Paul. „Unser Ziel ist, dass es jedem Kind gut geht und es Lebensfreude zurück bekommt.“ Dass die jungen Patienten während der nur kurzen Aufenthaltsdauer an den Sport herangeführt werden, könne sein Team nicht leisten. Das müsse in einer „familienintensiven Reha“ passieren. „Dann können die Kinder ein normales Leben führen und müssen nicht am Rand sitzen. Schauen Sie sich doch um. Hier ist doch kein Unterschied zu sehen, wer gesund und wer krank ist“, sagt der Direktor der Klinik für Pädiatrische Kardiologie und Intensivmedizin. Dabei blickt er auf seine junge Patienten, die er seit Jahren kennt, regelmäßig untersucht und die auch in Zukunft den Weg zu ihm finden.

Authored by: Blick Redaktion